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Aufwachen unter dem Skalpell - Ein Alptraum mit rechtlichen Folgen

Am 08.06.2011, 13:35 Uhr

Während eines operativen Eingriffs aufzuwachen und das Geschehen mitzuerleben, ohne sich bemerkbar machen zu können, sind häufige Bedenken von Patienten, denen eine Operation bevorsteht. In der Tagespresse wird die Intraoperative Wachheit oder auch „Awareness“ immer wieder thematisiert. Das Rote Kreuz Krankenhaus Kassel veranstaltete zu den medizinischen und juristischen Aspekten eine Ärzte-Fortbildung.


(AHE) „Natürlich versuchen alle Narkoseärzte, ihren Patienten traumatisierende Erinnerungen an die Operation zu ersparen“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Fauth, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin des Roten Kreuz Krankenhauses Kassel, anlässlich des regelmäßig stattfindenden „Kasseler Anästhesie-Stammtisches“. 

„Intraoperative Awareness ist zwar eine sehr seltene Komplikation, dennoch kann sie nicht mit letzter Sicherheit vermieden werden“, sagt Dr. Fauth. Rund 30 Anästhesisten aus der Region folgten kürzlich der Einladung des Krankenhauses im Kasseler Westen zu dieser Fortbildung, bei der auch die rechtlichen Folgen des Narkosezwischenfalls thematisiert wurden. Als Referent hatte Gastgeber Dr. Fauth dieses Mal Dr. jur. Hermann Schünemann, Fachanwalt für Medizinrecht aus Celle, eingeladen. „Wenn Patienten nach einer Operation darüber klagen, dass sie während des Eingriffs Gespräche des medizinischen Personals mitbekommen haben, oder sogar Schmerzen verspürt haben, dann kann der Anästhesist mit dem Vorwurf eines Behandlungs- oder Aufklärungsfehlers konfrontiert sein“, erklärt der Fachanwalt. 

Dr. Fauth konnte die anwesenden Ärzte jedoch beruhigen: „Uns erwartet keine trockene juristische Terminologie. Vielmehr geht es darum, wie wir bei unseren medizinischen Tätigkeiten, dem Monitoring, bei der Dokumentation und natürlich auch bei der Risikoaufklärung des Patienten vorgehen müssen“. Chefarzt Dr. Fauth hält es für selbstverständlich, sich selbst und seine Kollegen auf dem neuesten Stand zu halten. „Deswegen sind auch juristische Themen an unserem „Stammtisch“ vertreten. Denn das sind Themen, mit denen wir uns im Tagesgeschäft oft nicht beschäftigen können“. 

Auch wenn er und die Anwesenden ein gutes Update über die juristischen Aspekte bekommen haben, ist er froh, dass er selbst bisher nur selten mit der intraoperativen Wachheit konfrontiert wird: „Statistisch kommt es bei einer von tausend bis zehntausend Operationen zu einem derartigen Zwischenfall. Diese Vorfälle so gering wie möglich zu halten erreichen wir durch die Einhaltung von Standards, die genau vorschreiben, wie eine Narkose durchzuführen ist“. Anwalt Dr. Schünemann kann dieses Vorgehen auch aus rechtlicher Sicht bestätigen: „Die Facharztstandards der Anästhesiologie müssen in der Behandlung im Krankenhaus und der ambulanten Versorgung unbedingt eingehalten werden, denn sie gelten als maßgeblicher objektiver Maßstab. Auf diese Weise lässt sich die Zahl der Wachheitszustände weiter reduzieren, zudem vermeidet der Narkosearzt den Vorwurf eines Behandlungsfehlers.“ 

Eine zunehmend wichtige Rolle spielt auch die Messung der Narkosetiefe. Hier wird beim Patienten über auf die Stirn geklebte Elektroden ein EEG abgeleitet und automatisch ausgewertet. Eine zu flache Narkose kann so frühzeitig erkannt werden. Ein zweiter Punkt, der vom  Narkosearzt beachtet werden muss, ist die Aufklärungspflicht. Obwohl Patienten statistisch gesehen in nur sehr seltenen Fällen während des Eingriffs ihre Umwelt teilweise oder vollständig wahrnehmen, gehört die Awareness zu den Narkose-Komplikationen, über die der Patient im Vorfeld der Operation aufgeklärt werden muss. „Da die Intraoperative Wachheit ein mit der Allgemeinanästhesie verbundenes Risiko ist und den Patienten zum Beispiel durch psychische Dauerfolgen erheblich beeinträchtigen kann, sollten Ärzte die Awareness im Aufklärungsgespräch unbedingt erwähnen“, sagt Dr. Schünemann. Dies soll den Patienten nicht beunruhigen, sondern ihm vielmehr verdeutlichen, dass dem Narkosearzt das Problem bewusst ist und es bei der Narkoseführung gewissenhaft beachtet. Dass dies in der weit überwiegenden Zahl der Anästhesien gelingt, wird auch durch die außerordentlich geringe Zahl der Gerichtsverfahren, die sich bisher mit einer Wachheit während einer Operation befassen mussten, unterstrichen.