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Morbus Crohn – Wenn der Darm rebelliert

17.12.2013

Kassel, Dezember 2013: Bis zu 150.000 Menschen sind in Deutschland von der Krankheit Morbus Crohn (1) betroffen. Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 30, wenn sich die Krankheit erstmals mit Bauchschmerzen, Fieber und/oder Durchfall bemerkbar macht. Aber auch Kinder und Jugendliche können betroffen sein. Manche Betroffene erleben jahrelange Phasen ohne Beschwerden, bei anderen rebelliert der Darm ständig, da die Darmschleimhaut des Dünn- und Dickdarms an unterschiedlichen Stellen entzündlich aktiv ist und vielfältige Komplikationen wie Fisteln, Abszesse oder Blutungen hervorruft. Heilbar ist die chronische Darmentzündung jedoch (noch) nicht, egal wie schwer oder leicht sie auftritt. Die Medizinische Klinik unter Chefarzt Prof. Christian Löser am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel hat ihr Leistungsspektrum diesem Bedarf angepasst. So behandelt die Klinik in Kooperation mit spezialisierten Fachpraxen viele junge Patienten und bietet von der Diagnostik bis zur Behandlung und Ernährungsberatung ein breites Spektrum für seine Patienten.


Professor Dr. med. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik

Der Darmexperte ist gefragt 
Da die Symptome, die der Betroffene spürt und seinem Arzt schildern kann, sehr komplex und oft auch unspezifisch sind (heftige Bauchschmerzen können zahlreiche Ursachen haben), müssen Darm- und Magenspiegelung, Ultraschall und Röntgenuntersuchungen Aufschluss über den Zustand des Verdauungsapparats geben. Laboruntersuchungen – von Blutbild über Vitaminstatus bis feingewebliche Untersuchung – sind vor allem hilfreich, wenn es um Komplikationen der Grunderkrankung geht. 
„Am wichtigsten für jede Darmdiagnose ist die Koloskopie, die Spiegelung des Dickdarms. Bei Morbus Crohn, wo sich die Entzündungen im gesamten Verdauungstrakt zeigen können, ist auch eine Magenspiegelung angeraten“, so der Darmexperte Prof. Löser. Die Untersuchung im vollständig entleerten Darm zeigt die entzündeten Stellen der Schleimhaut, gleichzeitig kann der Arzt bei dieser Gelegenheit Gewebeproben entnehmen. 

Vielfältige Therapien für jeden einzelnen
Die Crohn-Behandlung unterscheidet zwischen akutem Schub und der symptomfreien Zeit. Entzündungshemmende Steroide, also Kortison, nehmen immer noch einen breiten Raum in der Akuttherapie ein, obwohl es heute eine Reihe alternativer Wirkstoffe gibt, die mit weniger Nebenwirkungen behaftet sind. Das Problem: Nicht jeder Patient spricht auf diese neuen Entzündungshemmer an. „Kortisonpräparate sind jeweils nur zur kurzzeitigen Akutbehandlung geeignet. Aber als Langzeitmedikament sind sie unzuverlässig, hierfür gibt es viele exzellente medikamentöse Alternativen“, so Prof Löser. 

Welche Rolle spielt die Ernährung?
Wer an Morbus Crohn leidet, verliert oft Nährstoffe und nimmt stark ab. Unter- und Mangelernährung sind häufig. Vor allem die heftigen Durchfälle bewirken, dass lebenswichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente ausgeschieden werden, bevor der Körper sie aufnehmen kann. „Untersuchungen haben ergeben, dass häufig ein Mangel an Kalium, Kalzium, Eisen und Magnesium besteht. Ebenso fehlen Vitamin B12, Folsäure und Vitamin D“ so Prof. Löser. Ein auf die Patienten  genau abgestimmter Ernährungsplan durch die Mediziner und Ernährungsberater am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel kann die Lebensqualität der Betroffenen positiv beeinflussen.

Neue Medikamente  plus Erfahrung des Arztes
„Es gibt weit mehr als Cortison, was wir heute gezielt zur Behandlung einsetzen können“ stellt Prof. Löser fest. In den letzten Jahren haben die Behandler am RKH Kassel eine Vielzahl neuer und gut wirksamer Substanzen für die Morbus Crohn-Patienten zur Verfügung, insbesondere Immunsupressiva und biologische Antikörper. Letztere sind Stoffe, die körpereigenen Antikörpern ähneln und sehr spezifisch entzündungshemmend wirksam sind.
Somit werden die Alternativen zum herkömmlichen Cortison immer vielfältiger – auch aufgrund einer Vielzahl neu entwickelter Medikamente. „Erfreulicherweise ist die moderne Therapie für die Betroffenen vielschichtiger und langfristig effizienter: Wir legen aufgrund unserer langjährigen Erfahrung mit dieser Erkrankung und großer Kenntnis den jeweils individuellen Weg für den Patienten fest“, so Prof. Löser. 

Eine OP als letzter Ausweg
Für die meisten Betroffenen und auch die behandelnden Ärzte ist eine Operation die letzte aller Optionen. Erst wenn kein Medikament die Entzündung mehr beruhigt oder wenn Komplikationen auftreten, erwägen sie eine OP. Etwa 60 Prozent der Crohn-Patienten müssen sich innerhalb der ersten zehn Krankheitsjahre einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Prof. Löser plädiert in Einzelfällen aber für frühere Eingriffe: „Man sollte eine Operation nicht nur als letzten Schritt verstehen, wenn alles andere versagt hat, sondern als Alternative bei konservativ nicht adäquat behandelten lokalen Komplikationen. Warum soll ein 25-Jähriger nicht operiert werden, vielleicht sogar mit der Schlüssellochtechnik, wenn er sich dadurch viele beschwerdefreie Jahre verschafft?“ Hierüber muss der erfahrene Darmspezialist frühzeitig mit in Frage kommenden Patienten ausführlich sprechen, um im Rahmen der verschiedenen Therapieoptionen für den jeweiligen Patienten die individuell bestmögliche Vorgehensweise gemeinsam festzulegen. 

Quelle:

(1) Sie ist benannt nach dem amerikanischen Mediziner Burril Bernard Crohn, der das Krankheitsbild 1932 zum ersten Mal beschrieb.